Bad Segeberg kultourt

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Eine Gemeinschaftsaktion der Kulturschaffenden und Veranstalter Bad Segebergs
Koordiniert von Kulturkontor und SZ Segeberger Zeitung.

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Di 18. November
LINSE Filmkunst:
Die Farben der Zeit

Drama
Regie: Cédric Klapisch
mit: Suzanne Lindon (Adèle) · Abraham Wapler (Seb) · Vincent Macaigne (Guy) · Julia Piaton (Céline) · Zinedine Soualem (Abdel)
Frankreich 2025 | 127 Minuten | ab 12

CinePlanet5, Oldesloer Straße 34

Vier Mitglieder einer weit verzweigten Familie treffen im Haus einer Vorfahrerin aufeinander, das nach ihrem Tod 1944 seit rund 80 Jahren verschlossen ist. Darin entdecken die Erben Spuren eines abenteuerlichen Lebens, das ihre Ahnin im Paris der Belle Époque führte, und auf ihren Anschluss an die Kreise der impressionistischen Malerei und der frühen Fotografie. Das mit Humor unterfütterte, ausgezeichnet besetzte Drama verflicht beide Zeitebenen kunstvoll miteinander und reflektiert unterhaltsam über technologisch bedingte Umbrüche. Einige wenige schwächere Momente überwindet es durch den zärtlichen, optimistischen Blick auf die Figuren, deren verkrustete Haltungen durch die Konfrontation mit ihren Ahnen aufbrechen. - Ab 14.

Langkritik:

Der Vorspann als Kunststück ist eine Disziplin, die nicht viele beherrschen. Die Kamera gleitet zu Beginn von „Die Farben der Zeit“ durch die Galerie Durand-Ruel und beobachtet die Besucher vor den berühmten Seerosen-Gemälden von Claude Monet. Die einen konzentrieren sich auf Selfies und schauen die Kunst gar nicht an, Influencerinnen suchen nach Content, während andere über Kopfhörer ihr Hintergrundwissen aufbessern und dabei die direkte Auseinandersetzung versäumen. Das Kulturerbe verkommt so zum „instagrammablen“ Konsumartikel, dessen Substanz nicht mehr erkannt wird. Diese Erfahrung der unfreiwilligen Ignoranz machen auch die 30 Mitglieder einer weit verzweigten Familie, von denen sich die meisten noch nie begegnet sind. Ihre Begeisterung hält sich in Grenzen, als sie von einer Erbschaft in der Normandie erfahren.

Das marode Haus einer Vorfahrin wurde 1944 nach ihrem Tod verschlossen und seitdem nicht mehr geöffnet. Auf seine Spur kamen Investoren, die an dem verlassenen Ort einen Supermarkt samt Parkplatz bauen wollen. Um ihre Pläne umsetzen zu können, hoffen sie, dass die Erben einem Verkauf zustimmen werden.

Die Zeit scheint stehengeblieben zu sein

Eine kleine Gruppe von ihnen besucht stellvertretend für den Rest der Verwandtschaft das abgelegene Grundstück: ein mit seiner Identität hadernder Content Creator, eine beziehungsfrustrierte Managerin, ein an den Sprachfähigkeiten seiner Schüler verzweifelnder Lehrer und ein Imker und Umweltaktivist, der die schützende Fassade seiner Mitmenschen instinktiv durchschaut. Im Haus scheint die Zeit stehengeblieben zu sein, und doch erzählen unzählige Fotografien, Gemälde, Dokumente und Stapel von Briefen die Geschichte des turbulenten Lebens der Eigentümerin Adèle.

Die Neugier ist bei dem ungleichen Quartett aus Cousins und Cousinen geweckt, wenn auch zunächst das Bedürfnis überwiegt, die lästige Immobilie so schnell wie möglich loszuwerden. Um aber den Wert einschätzen zu können, muss die Vergangenheit gründlich erforscht werden, nicht zuletzt, weil das Frauenporträt auf einem Gemälde dem Stil von Claude Monet verdächtig nahekommt.

Regisseur Cédric Klapisch verknüpft diese Rahmenhandlung mit ausgiebigen Rückblenden in das Paris um 1895, wohin es die 21-jährige Adèle nach dem Tod ihrer Großmutter verschlägt. Es wimmelt von Pferdekutschen, der Eiffelturm ruft Erstaunen hervor und die Elektrizität beleuchtet allmählich die nächtlichen Boulevards. Die Hauptstadt steckt inmitten einer industriellen und kulturellen Revolution. Auf der Suche nach ihrer Mutter Odette, die seit zwanzig Jahren Geld für den Unterhalt ihrer Tochter geschickt hat, aber sich nie hat blicken lassen, erlebt Adèle eine herbe Enttäuschung, als sie entdeckt, dass diese in einem Bordell arbeitet.

Um Abstand zu gewinnen, findet sie Unterschlupf bei ihren jungen Reisebegleitern, die am Montmartre als Maler und Fotograf ihr Glück versuchen wollen. Durch die beiden gut vernetzten Bohemiens, die notorisch darüber streiten, ob die Malerei angesichts der neuen Technologien wie Fotografie und Kino zukunftsfähig sei, begegnet sie Berühmtheiten der Belle Époque, von Sarah Bernhardt bis zu Nadar, der schon ihre Mutter fotografiert hatte und jetzt auch Adèle vor seine Kamera holt.

Genealogie-Recherche inklusive Drogentrip

Parallel zu den Rückblenden kommt sich das Quartett in der Gegenwart zunächst nur widerwillig näher. Private Sorgen, die mit Arbeitswut überdeckt werden, lassen die Kommunikation stocken. Der Imker, der gegen den Verkauf des Erbes plädiert, lockt mit existenzialistischen Fragen die anderen aus der Reserve und schafft eine unerwartete Nähe, die von Dauer zu werden verspricht. Motiviert durch die unverhoffte Familienzusammenführung stürzt sich das Quartett in die Recherche seiner Genealogie, inklusive eines Drogentrips in Adèles Haus, um mit den Toten in Kontakt zu treten.

Die Gegenwart überlappt sich dabei mit der Vergangenheit und lässt die berauschten Zeitreisenden durch eine Ausstellung von Impressionisten flanieren, die von Monet, Victor Hugo und dem Kunstkritiker Louis Leroy besucht wird. Dieser prägte den Begriff Impressionismus, nachdem er in einer satirischen Rezension Monets Gemälde „Impression, soleil levant“ abwertete. Die Figuren der zwei verspiegelten Zeitebenen geraten im Streit um Monets Meisterschaft schlagkräftig aneinander, und die traumähnliche Szene endet mit einem kollektiven Kater am nächsten Morgen.

Klapisch verknüpft in seinem neuesten Ensemblefilm kunstvoll die Erzählstränge zwischen Epochen und Generationen und reflektiert unterhaltsam über technologisch bedingte Umbrüche. Aus der Vergangenheit heraus kritisiert er eine Gegenwart, in der soziale Netzwerke das Zusammensein simulieren und die Menschen im realen Leben durch die Feier von Narzissmus und Prahlerei immer weiter von sich entfernen lassen. Kunst fungiert als Alternative, Erinnerungsbeschleuniger und Vehikel der Weitergabe von Erfahrungen über die Zeit hinweg. Die Zukunft, die um 1900 Paris veränderte und seine Bewohner auf ein besseres Leben hoffen ließ, lässt die von Ängsten geplagte Gegenwart in keinem guten Licht stehen, weswegen wohl die Vergangenheit in intensive Farbkontraste getaucht ist, während das Hier und Jetzt kaum Licht abbekommt.

Figuren, die sich humorvoll häuten

Die sich humorvoll häutenden Figuren sind perfekt besetzt und in einem scharf beobachteten Alltag verankert, allen voran die von Suzanne Lindon umwerfend verunsichert gespielte Adèle. Die Montage aus immer schnelleren Zeitsprüngen lässt auf wundersame Weise keine Unruhe aufkommen. Die Entwicklung der Schauplätze wird durch raffinierte Kamerawinkel und opulenten Kostümeinsatz aufgezeigt, etwa vom früher ländlich geprägten Montmartre, der heute zur Touristenfalle verkommen ist. Auch wenn im zweiten Teil kein Mangel an unwahrscheinlichen Erzählzuspitzungen herrscht, die Grenze zum Märchen gestreift wird und konservative Familienwerte etwas zu nostalgisch gefeiert werden, überzeugt diese so utopische wie zugängliche Zeitmaschine durch ihren zärtlichen Blick auf die Nachfahren, die durch die Konfrontation mit ihren Ahnen ihre Verkrustungen aufbrechen, die Solidarität entdecken und das Leben wieder zu genießen beginnen.

Alexandra Wach, FILMDIENST

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