Eine Gemeinschaftsaktion der Kulturschaffenden und Veranstalter Bad Segebergs
Koordiniert von Kulturkontor und SZ Segeberger Zeitung.
Drama
Regie: Mascha Schilinski
mit: Luise Heyer (Christa) · Lena Urzendowsky (Angelika) · Claudia Geisler-Bading (Irm) · Lea Drinda (Erika) · Hanna Heckt (Alma)
Deutschland 2024 | 154 Minuten | ab 16
CinePlanet5, Oldesloer Straße 34
Ein abgeschiedener Vierseitenhof im Norden von Sachsen-Anhalt wird von den 1910er- bis zu den 2020er-Jahren immer wieder zum Ort, an dem Mädchen ihre Kindheit und Jugend erleben. Familiär lose verbunden, aber ohne Wissen um die Vorgängerinnen, sind vier Biografien und Schicksale durch zahlreiche gemeinsame Berührungspunkte miteinander verwoben. In scheinbar alltäglichen, geradezu rhapsodischen Momentaufnahmen und Impressionen bringt das virtuos montierte Drama die Zeitebenen in einen filmischen Dialog. Ästhetisch und narrativ meisterlich durchkomponiert, ist der Film von hoher Empathie für die subjektive Wahrnehmung der Hauptfiguren geprägt und entfaltet in seiner bestechenden assoziativen Form außerordentliche Anziehungskraft. - Sehenswert ab 16.
„Schon komisch, dass einem wehtun kann, was nicht mehr da ist“, sagt eine der Protagonistinnen in Mascha Schilinskis „In die Sonne schauen“ einmal. Auch Körper haben ein Gedächtnis, speichern Erinnerungen und Erfahrungen. Und was verdrängt und beiseitegelegt wird, äußert sich möglicherweise erst Generationen später wieder physisch.
In den 1980er-Jahren, zu Zeiten der DDR, empfindet Angelika (Lena Urzendowsky) eine verlockende Todessehnsucht. Wenn sie durch die Felder spaziert, legt sich in Gedanken vor einem Mähdrescher hin, den ihr Cousin in ihre Richtung steuert. Jahrzehnte später, in unserer Gegenwart, sitzt Lenka (Laeni Geiseler) mit ihrer kleinen Schwester an einem Fluss unweit des Feldes und spürt, wie die Wellen sie hinabziehen. Weit in die Vergangenheit zurückreichend, in den 1940er-Jahren, beschließt Erika (Lea Drinda), von der beide Mädchen nichts wissen, aus Verzweiflung zusammen mit anderen Frauen ins Wasser zu gehen und den Freitod zu wählen.
Spuren und Überbleibsel, die lange fortwirken
Auf einem Vierkanthof in der Altmark drehte Mascha Schilinski einen Film, der rund ein Jahrhundert umspannt und in assoziativen Schüben und empfindsamen Spiegelungen über die Dekaden hinweg vier Geschichten junger Mädchen, teils im frühen Kinderalter, teils am Ende der Teenagerzeit, erzählt. Neben Erika, Angelika und Lenka ist da auch die siebenjährige Alma (Hanna Heckt), die am Anfang des 20. Jahrhunderts in den Vortagen des Ersten Weltkriegs aufwächst und deren Beobachtungen und Wahrnehmungen noch keine Sprache kennen, in denen sie sich ausdrücken könnten. Auf einer Daguerreotypie entdeckt Alma eine verstorbene Schwester, die ihr ähnelt – die erste Gespenstererscheinung des Films, durch welche Spuren und Überbleibsel der Vergangenheit wiederbelebt werden und lange fortwirken.
Bereits in ihrem Debütfilm „Die Tochter“ ließ sich die Regisseurin ganz auf die Perspektive eines Kindes ein, das die Scheidung und Wiederannäherung der Eltern beobachtet und begreifen muss, was vor sich geht. Der subjektive Blickwinkel junger Figuren scheint noch frei zu sein von allzu deutlichen gesellschaftlichen Prägungen, besitzt eine wertungsoffene Neugier, die seit jeher vom Kino ersehnt und nachgeahmt wird.
Ein wundersames Kinogedicht in freiem Versmaß
In scheinbar alltäglichen, geradezu rhapsodischen Momentaufnahmen und Stimmungsbildern lässt „In die Sonne schauen“ die Zeitebenen der Mädchen ineinanderfließen und ihre Erlebnisse miteinander sprechen. Darin wirkt der Film oftmals wie ein wundersames, eigensinniges Kinogedicht in freiem Versmaß, das sich einer eindeutig vorwärtsschreitenden Narration selbstbestimmt entzieht.
Dopplungen und Wiederholungen sind nicht immer sofort als solche wahrnehmbar, kreisen vielmehr wie zunächst nicht ganz klar vernehmbare Melodienloops durch den Film, bis unterschwellig Muster und Motive plötzlich wiedererkennbar werden. Geradezu sinfonisch ist dabei der komplexe Umgang mit dem Klangdesign, einer Überfülle an vielstimmigen und bedeutungsreichen Geräuschen, die sich gegen eine unterordnende, rein dramaturgische Funktion sträuben.
Die Aufmerksamkeit auf Blicke
Immer wieder richtet Schilinski ihre Aufmerksamkeit auf Blicke: jene der Protagonistinnen, aber auch die, die sich an ihren Körpern festbohren. Während sie vortäuscht, in Gedanken versunken ihre Umgebung nicht wahrzunehmen, beobachtet Angelika, wie sie so begierig wie unumwunden offen von ihrem Onkel gemustert wird. Denn wenn eines unveränderlich bleibt über rund 100 Jahre, von der bäuerlichen Großfamilie zur Zeit des deutschen Kaiserreichs hin zur weitaus kleineren Familienkonstellation in den postpandemischen Jahren der heutigen Berliner Republik, dann dieses: Männer müssen ihr Begehren gesellschaftlich kaum verhüllen, Frauen, jüngere zumal, schon. Der Blick, den Alma wiederum einem versehrten männlichen Körper widmet, ist somit ein verbotener, einer, den sie erst riskieren kann, wenn der, den sie ersehnt, schläft.
Trotz eines präzisen Nachvollzugs unterschiedlicher Epochen im Szenenbild und Kostümdesign verweigert sich „In die Sonne schauen“ entschieden einer allzu klaren Zeitdiagnostik, reduziert seine Figuren nicht wie beispielsweise Michael Haneke mit „Das weiße Band“ zu bloßen Stellvertreterinnen ihrer Zeit. Indem er konsequent bei der subjektiven Weltwahrnehmung seiner Protagonistinnen bleibt, ist der Film geprägt von Empathie und Neugierde, einem letztlich geradezu hoffnungsfroh gestimmten Ton gegen alle Widerstände. Mascha Schilinski gelingt so ein ästhetisch und narrativ ausgefeiltes Kunstwerk, dessen Vieldeutigkeit bei wiederholtem Sehen stets aufs Neue weitere Bedeutungs- und Empfindungsebenen offenbaren wird.
Kamil Moll, FILMDIENST