Bad Segeberg kultourt

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Eine Gemeinschaftsaktion der Kulturschaffenden und Veranstalter Bad Segebergs
Koordiniert von Kulturkontor und SZ Segeberger Zeitung.

Informationen zur Veranstaltung

Di 5. Mai
LINSE Filmkunst:
Silent Friend

Drama
Regie: Ildikó Enyedi
mit: Tony Leung Chiu-Wai (Tony) · Luna Wedler (Grete) · Enzo Brumm (Hannes) · Marlene Burow (Gundula) · Sylvester Groth (Anton)
Ungarn/Frankreich/Deutschland 2025 | 147 Minuten | ab 6

CinePlanet5, Oldesloer Straße 34

Als 2020 die Corona-Pandemie ausbricht, sitzt ein asiatischer Neurowissenschaftler auf dem Campus der Uni Marburg fest. In der Isolation wendet er sich, inspiriert von einem alten Gingkobaum im Botanischen Garten, der Wahrnehmung und Kommunikation von Pflanzen zu. Seine Geschichte wird mit zwei anderen Schicksalen verquickt, deren Zeuge der prächtige Baum wurde. Anfang des 20. Jahrhunderts kämpft eine Botanik-Studentin mit patriarchalen Vorurteilen, und in den 1970er-Jahren lernt ein Student eine Kommilitonin kennen, die sich für die Kommunikation von Pflanzen begeistert. Der mit 35mm- und 16mm-Material sowie digital gedrehte Film verschränkt diese Zeitebenen zu einem zarten Hohelied auf die Fähigkeit, die Grenzen der eigenen Wahrnehmung zu erkennen und neugierig nach einer Horizonterweiterung zu streben. Dabei glänzt er mit einer durchdachten Bildsprache und mit einem feinen Sinn für Humor. - Sehenswert ab 14.

Langkritik:

Sich mit einem Baum anfreunden: Das ist sicher nicht das Schlechteste, was man während der Covid-19-Pandemie tun konnte. In „Silent Friend“ ist es ein von Tony Leung verkörperter Neurowissenschaftler namens Tony, der Kontakt zu einem Baum aufnimmt. Zu einem denkbar prachtvollen Exemplar, einem vermutlich hunderte Jahre alten Gingkobaum, der den Botanischen Garten in Marburg schmückt. Tony hat eine Gastprofessur in die hessische Stadt verschlagen; der Rest der Fakultät und die Studentenschaft haben sich just gerade ins Homeoffice zurückgezogen. Die universitären Räumlichkeiten, die Tony zumeist mutterseelenallein durchstreift, sind geschmackvoll minimalistisch eingerichtet, es dominieren großflächige Fensterfronten. Modernistisch und harmonisch wirken die Räume – und der ganze Film.

Dabei schreckt die Regisseurin Ildikó Enyedi weder in stilistischer noch in erzählerischer Hinsicht vor harschen Brüchen zurück. Das beginnt bei den äußerst disparaten Bildsorten, die ihr Film vereint: Bewegte und unbewegte Bilder, schwarz-weiße und farbige Bilder, analoge und digitale Bilder wechseln teils im Minutentakt. Auch weniger geläufige Bildformen wie Visualisierungen von Gehirnströmen oder ins Abstrakte spielende Schattenmalerei haben Platz in diesem Film. Der dreht sich auch nicht nur um Tony, sondern außerdem um zwei weitere Figuren mit besonderem Bezug zum Gingkobaum.

Der Gingkobaum stimmt den Pflanzenhasser um

Die beiden anderen entstammen älteren Zeiten. Zum einen ist da Hannes (Enzo Brumm), ein junger Student vom Land, der im politisch bewegten Jahr 1972 nach Marburg kommt und Pflanzen zunächst hasst. Der Gingkobaum stimmt ihn aber langsam um, im Verbund mit Hannes’ hübscher Kommilitonin Gundula (Marlene Burow). Zum anderen lernt man Grete (Luna Wedler) kennen, die im frühen 20. Jahrhundert gegen nicht wenige sexistische Widerstände als erste Frau in Marburg Biologie studieren darf und, ebenfalls vermittelt durch den Baum, sich für Naturfotografie zu interessieren beginnt.

Immer näher geht Grete mit dem Fotoapparat an die Pflanzen heran, immer abstrakter, aber auch ästhetischer geraten die Bilder. In einem der nicht wenigen populärwissenschaftlichen Exkurse, die der Film unternimmt, ist zu lernen, dass die wahre Bestimmung der Fotografie nicht in ihrer Abbildfunktion besteht, sondern in ihrer Fähigkeit, den Dingen auf den Grund zu gehen, sichtbar zu machen, was mit bloßem Auge nicht sichtbar ist. Zum Beispiel kann Fotografie neue, erstaunliche Verbindungen zwischen Menschen und Pflanzen stiften. Das Kino, das muss der Film an dieser Stelle gar nicht mehr dazusagen, vermag das erst recht.

Unterscheiden sich die Haare, die auf dem menschlichen Körper sprießen, wirklich von Grasbüscheln? Kann ein Mensch sich in eine Geranie verlieben? Sind sehr alte Bäume auf einer höheren Erkenntnisebene geistige Verwandte von ganz jungen Menschen? Wer mit solchen Fragen grundsätzlich nichts anfangen kann, wird vermutlich nicht allzu glücklich werden mit dem Film. Wobei Enyedi keineswegs einen esoterischen Gemischtwarenladen betreibt. Sondern mit enormer intellektueller Neugier aktuelle wissenschaftliche Fragen aufgreift und mit den Mitteln des Kinos neu perspektiviert.

Kein Raum für Pessimismus

Aktuelle naturwissenschaftliche Fragen, insbesondere aus den Bereichen Biologie, Neurowissenschaft und Sexualwissenschaft – das „Systema Naturae“, Carl von Linnés Klassifizierungssystem für Pflanzen aus dem Jahr 1734, das bis heute die Grundlage der biologischen Nomenklatur bildet und eng mit Annahmen über das Geschlechtsleben von Pflanzen verknüpft ist – spielen eine wichtige Rolle im Film. Geistes- und Kulturwissenschaft sind, vielleicht mit Ausnahme der Grenzgängerwissenschaft „Gender Studies“, eher nicht Teil des Forschungsprogramms; dass Hannes zunächst lieber Rilke liest, als Blumen zu verkabeln, ist eine Marotte, die ihm der Film schnell austreibt.

So obskur und ambitioniert der intellektuelle Überbau des Films wirken mag, so zugänglich ist er im sinnlichen Erleben. An sicherer Hand geführt, gleitet man durch pflanzlich-menschliche Bild- und Gedankenwelten, stets geerdet durch die beruhigende Präsenz des fest in der hessischen Erde verankerten Gingkobaums. Keine der drei Geschichten führt im engeren Sinne irgendwohin – und doch fügen sich alle drei zu einer Art interdisziplinären Fortschrittserzählung. Dem um sich greifenden Pessimismus gegenwärtiger politisch-gesellschaftlicher Debatten lässt Enyedi nicht einen Quadratmillimeter Raum. Kommunikationstechnologie ist in „Silent Friend“ kein Agent der Entfremdung, sondern ein Medium der Völkerverständigung. Eine globale Pandemie gefährdet nicht bestehende Verbindungen, sondern stiftet neue. Pflanzliches Leben ist in Zeiten des Klimawandels nicht dem Untergang geweiht – als bloßes passives Opfer menschlicher Umtriebe, sondern wird im Gegenteil selbst aktiv, sendet ganzheitlich sexpositive Vibes in Richtung Menschheit.

Eine Dosis menschlicher Imperfektion

Ein bisschen harmoniesüchtig wird der Film gegen Ende vielleicht. Das Problem ist weniger seine sympathisch verstiegene, als Antidot wider allgegenwärtige Doomsday-Angstlust durchaus willkommene utopische Note; eher sind es die gelegentlich arg gefälligen Bilder, die „Silent Friend“ hier und da ein wenig von seiner unleugbaren Kraft nehmen. Etwas Bildschirmschoner-haftes eignet insbesondere dem wiederkehrenden lieblichen Unschärfespiel in Blatt- und Astwerk, oder auch den nächtlichen Glühwürmchenparaden und Zeitrafferaufnahmen von Pflanzenwuchs – ausgerechnet jenen Aufnahmen also, die einer genuinen Ästhetik des Nichtmenschlich-Organischen auf der Spur zu sein glauben. Gibt es nicht in der Natur nicht auch etwa hinterhältige Raubtiere und ekligen Schimmelbefall? Ist Pflanzen-Sex wirklich zwangsläufig eine derart lieblich-aseptische Angelegenheit?

Schön jedenfalls, dass Ildikó Enyedi ihrem Film zwischendurch immer wieder eine gesunde Dosis menschlicher Imperfektion beimischt – vor allem, gleich in zwei Handlungssträngen, in Form unbeholfener Flirtversuche junger Männer.

Lukas Foerster, FILMDIENST

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