Bad Segeberg kultourt

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Eine Gemeinschaftsaktion der Kulturschaffenden und Veranstalter Bad Segebergs
Koordiniert von Kulturkontor und SZ Segeberger Zeitung.

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Di 10. Oktober 2023
LINSE Filmkunst:
Forever Young (2022)

Drama
Regie: Valeria Bruni Tedeschi
mit: Nadia Tereszkiewicz (Stella) · Louis Garrel (Patrice Chéreau) · Micha Lescot (Pierre Romans) · Sofiane Bennacer (Etienne) · Clara Bretheau (Adèle)
Frankreich/Italien 2022 | 126 Minuten | ab 12 | OmU

CinePlanet5, Oldesloer Straße 34

Mitte der 1980er-Jahre hat die Theaterschule im französischen Nanterre den Ruf einer radikalen Ausbildungsstätte. Unter den jungen Bewerbern für ein Schauspielstudium befindet sich auch eine Frau aus reichem Elternhaus, die als eine von zwölf Schülerinnen die Ausbildung beginnt. Neben den ersten Schritten auf der Bühne erlebt sie auch Liebe, Kummer, Versagensängste, Drogenprobleme und die Furcht vor AIDS. Das autobiographisch fundierte Drama der Schauspielerin Valeria Bruni Tedeschi setzt der eigenen Ausbildung ein Denkmal und weist einige amüsante und eindringliche Episoden auf. Allerdings weist der ausgefaserte Film auch banalere Sequenzen auf, die den Rückblick aus erster Hand auf ein Kapitel europäischer Theatergeschichte verwässern. - Ab 16.
Originalfassung mit Untertiteln

Langkritik:

Jugend im Rausch. Die Teilnahme an einem Workshop in der Theaterschule Les Amandiers in Nanterre kann in den 1980er-Jahren das große Los für angehende französische Schauspieler bedeuten, dementsprechend sind die jungen Bewerber vor der Auswahlkommission kaum zu bremsen. So auch die zwanzigjährige Stella, die erst noch diszipliniert die gelernten Zeilen spricht, sich dann aber vom Zorn ihrer gespielten Figur mitreißen lässt, ihren Spielpartner wütend angeht, sich die Bluse aufreißt und auch noch weitertobt, als die Gutachter das Vorsprechen längst für beendet erklärt haben. Angesichts dieser Überdosis an jugendlichem Überschwang liegt die erste Frage an Stella auf der Hand: „Sind Sie der Meinung, Sie müssten Exhibitionistin sein, um Schauspielerin zu werden?“

Jeden zieht es aus anderen Gründen auf die Bühne

So berechtigt die Frage ist, erwischt sie die junge Frau doch kalt und macht sie glauben, übers Ziel hinausgeschossen zu sein. Dabei kann Stella aus Unsicherheit und Scham sogar noch erröten, ein Zeichen für innere Hemmungen, die viele ihre Mitbewerberinnen und Mitbewerber nicht erkennen lassen. Die lassen im Vorspiel sogar eher mit Absicht die Sau raus, sodass den Gutachtern ordentlich der Kopf schwirrt, bevor es in Einzelgesprächen um die entscheidende Frage geht, warum es gerade das Theater sein soll.

Hier differenzieren sich die unterschiedlichen Charaktere heraus: Für die exaltierte Adèle ist es der Wunsch nach Emanzipation von ihrer Mutter, für die sie jahrelang das Kinder-Fotomodell geben musste; für den düsteren Etienne gerade die Hoffnung, seiner Mutter zu gefallen; den agilen Victor reizt die Zusammenarbeit mit Patrice Chéreau. Und für Franck ist die Aufnahme an Les Amandiers schlicht eine Geldfrage, da er sich eine andere Theaterschule nicht leisten könnte. Eine Erwägung, die wiederum Stella fremd wäre, denn sie stammt aus reichem Elternhaus. Das bringt für sie Absicherung mit sich, aber auch Gefühle der Furcht: Sie will vor allem ihre Jugend nicht sinnlos verschwenden.

Autobiografisch geprägt von den Lehrjahren von Regisseurin Valeria Bruni-Tedeschi

Mit ähnlichen Überlegungen wartete Valeria Bruni Tedeschi bereits 2003 in ihrem Regie-Debüt „Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr…“ auf, und wie dieses und all ihre Spielfilm-Regiearbeiten seitdem ist zwanzig Jahre später auch „Forever Young“ stark autobiografisch geprägt. Manches setzt sie mittlerweile wohl als bekannt voraus, etwa ihre Herkunft aus wohlhabender Familie, die im Falle ihres jungen Film-Alter-Egos Stella zumindest nicht groß thematisiert wird; der Rückzugsort der Familienvilla mit aufmerksam über sie wachendem Butler muss für sich selbst sprechen. Und auch um den Stellenwert von Les Amandiers in der französischen Kunstszene der 1980er-Jahre sollte man als Zuschauer bestenfalls schon wissen, da der Film dazu nur Andeutungen fallen lässt: Unter maßgeblicher Federführung des Theaterregisseurs Patrice Chéreau wurde dort ein seinerzeit radikaler Ansatz gelehrt, und bedeutende Schauspieler starteten hier ihre Karriere – zu Valeria Bruni Tedeschis Mitschülern zählten etwa Agnès Jaoui und Vincent Perez.

In ihrem filmischen Rückblick auf ihre Theaterschulzeit kommt es der Regisseurin denn auch vor allem auf die Charaktere der jungen Schauspielschüler an. An historischen Vorbildern klebt sie dabei nicht, sondern hat die Figuren mit ihren Co-Autorinnen Noémie Lvovsky und Agnès de Sacy frei entwickelt; lediglich Nadia Tereszkiewicz kommt als Stella der jungen Valeria Bruni Tedeschi auch in der Mimik durchaus nahe, und Adèle hat mit ihrer Kindheitsgeschichte offensichtlich Züge der Schauspielerin und Fotografin Eva Ionesco. Neben ihnen stehen zahlreiche rasch identifizierbare Typen von Schauspielern – der Träumer, die Überempfindsame, der Zyniker, die Schwärmerin und so weiter –, denen die gut ausgewählten Nachwuchsdarsteller präzise und einprägsam Kontur verleihen und denen die beiden historisch greifbaren schillernden Persönlichkeiten an der Schule gegenüberstehen: Der eher im Hintergrund bleibende Patrice Chéreau, von Louis Garrel interpretiert als genialischer, launischer Regie-Derwisch, sowie der formelle Schulleiter Pierre Romans, gespielt von Micha Lescot als versponnener, introvertierter Künstlertyp mit bereits unübersehbarem Drogenproblem (Romans starb 1990 an einer Überdosis).

Rivalitäten, Versagensängste, Liebeleien und Co.

In ihren Ansprachen vor den Schauspiel-Eleven und den Einblicken in ihre Art des Regieführens zeigt sich „Forever Young“ einer genauen Wiedergabe verpflichtet, während die Drehbuchautorinnen zugleich das mitunter erratische Verhalten und die Defizite im zwischenmenschlichen Umgang bei Chéreau und Romans nicht verheimlichen. Den Eindruck zweier herausragender Geister vermittelt der Film zwar mit Leichtigkeit, bleibt aber doch einigermaßen nebulös darin, ob man die beiden – und damit letztlich auch das gesamte Programm der Schule – nun tatsächlich für begnadet und revolutionär halten soll. Daran ist die episodenhafte Struktur nicht unschuldig, die sich aus den üblichen Verwicklungen speist, wie man sie aus anderen an künstlerischen Ausbildungsstätten spielenden Filmen wie „Fame“ oder „Kleine Haie“ kennt: Rivalitäten, Versagensängste, Liebeleien, Schwangerschaften, Drogen, öffentliches Über-die-Stränge-schlagen, Todesfälle halten die jungen Hauptfiguren ordentlich auf Trab.

Manches davon ist amüsant und einiges auch eindringlich und anrührend, weil es wertvolle Einblicke aus erster Hand ins Gefühlsleben junger Schauspieler sind und in die spezielle Zeit der 1980er-Jahre mit Kettenrauchen und sexueller Freizügigkeit, aber auch Kaltem Krieg und AIDS-Ängsten. Alles in allem erweist sich „Forever Young“ aber auch als ausgefasert und wirkt streckenweise auch banal, da nicht jeder Quickie im Beichtstuhl und jede absichtlich überfahrene Ampel den Erkenntniswert erhöhen. Auf der anderen Seite versucht Valeria Bruni Tedeschi, zu ihrem wichtigsten Handlungsstrang – Stellas schauspielerischer Reifung – immer wieder zurückzukehren, und nimmt dafür auch holprige Wendungen in Kauf. Es bleibt deshalb bei Streiflichtern auf ein erinnerungswürdiges Kapitel europäischer Theatergeschichte, nahegebracht wie von einer euphorisierten Runde ehemaliger Schüler bei einem Klassentreffen, die sich gegenseitig ins Wort fallen. Was einen als Zuschauer durch Elan und Begeisterung der Erzählung zwar mitreißt, trotzdem aber immer ein wenig außen vorlässt.

Marius Nobach, FILMDIENST

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